Zu große Whiteboards für kleine Menschen

Seit ich nun endlich mal selber an einer praktischen Einführung zur Nutzung von interaktiven Whiteboards im Unterricht teilgenommen habe, weiß ich auch, was mich beim Ansehen von Filmen, die den Umgang von Kindern mit Whiteboards in Schulen zeigen, unbewusst immer irritiert hat: Die Kinder müssen sich recken und strecken und hin und her wandern, um an die Buttons und Scrollleisten der Oberfläche zu kommen. Oder es werden Stühle vor dem Whiteboard aufgebaut, damit die Kinder die obere Menüleiste erreichen.

Siehe z.B. hier: http://www.youtube.com/watch?v=YEJETecSXZw

Das war jetzt bei mir nicht ganz so schlimm, aufgefallen ist mir jedoch auch, wie schwer man sich vor allem auf Internetseiten zurechtfindet, wenn man in kleinem Abstand vor der Projektion steht und diese fast das gesamte Gesichtsfeld einnimmt. (Und man währenddessen auch noch versuchen muss, keinen Schatten zu werfen, damit auch für andere sichtbar bleibt, was man am Whiteboard tut.

Diese gewisse Unbehaglichkeit hat mich dazu motiviert, darüber nachzudenken und zu recherchieren, was denn nun der Mehrwert eines solchen Whiteboards im Unterricht überhaupt sein kann. Wobei erstaunlicherweise eine Internetrecherche nicht viel Brauchbares zu Tage förderte. Symptomatisch sind eher solche Zitate, wie dieses bei Lehrer Online: „Der Run auf die interaktiven Whiteboards hat begonnen. Zahlreiche Klassenzimmer werden derzeit mit digitalen Tafeln ausgestattet, und Lehrkräfte erhalten Einführungen in die individuelle Boardsoftware. Doch die methodisch-didaktische Ausbildung am neuen Medium bleibt bislang gänzlich auf der Strecke.“ (http://lehrer-online.de/interaktive-whiteboards.php)

Leider wird sehr oft als Begründung für den Einsatz von interaktiven Whiteboards der Vergleich mit Kreidetafeln herangezogen, was mir nicht sehr logisch erscheint. Zitat aus „Interactive Whiteboards in Berliner Schulen, Ergänzung des „eEducation Berlin Masterplan”: „In jeder Form des Unterrichts stellt die herkömmliche Kreidetafel das zentrale grafische Kommunikationsmedium in einem Unterrichtsszenarium dar. Mit einem „Interactive Whiteboard“ ist es nun jedoch möglich, das zentrale Unterrichtsmedium „Kreidetafel“ für interaktive Lernszenarien zu nutzen. Ein „Interactive Whiteboard“ ermöglicht die Präsentation vorbereiteter oder sich im Unterricht entwickelnder medialer Lerninhalte, die elektronisch aufbewahrt, wieder verwendet und sogar den Schülerinnen und Schülern elektronisch zur Verfügung gestellt werden können. Schülerinnen und Schüler sowie das pädagogische Personal erhöhen damit nicht nur die eigene Medienkompetenz, ein „Interactive Whiteboard“ gibt auch die Möglichkeit, kollaboratives Lernen medial unterstützt erlebbar zu machen und dadurch den Lernerfolg zu erhöhen.“ (http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/schulorganisation/eeducation/ergaenzung_eeducation_masterplan_2009.pdf)

Das eigentliche Problem zeigt sich vielleicht hier schon im ersten Satz: „In JEDER Form des Unterrichts …“. Denn das scheint gewollt zu sein: das Whiteboard zementiert den Frontalunterricht, methodisch hat man hier nichts gewonnen. Und alle Vorteile, die für Whiteboards angegeben werden, gelten so auch für den PC Einsatz mit angeschlossenem Beamer:

  • Integration verschiedener Medien
  • Mehr Möglichkeiten der Visualisierung (dynamische Tafelbilder)
  • Möglichkeit, Tafelbilder abzuspeichern und weiterzugeben
  • Interaktivität

An dieser Stelle müsste man einen faireren Vergleich machen: zwischen einem interaktivem Whiteboard und dem Einsatz von PC und Beamer im Klassenraum. Alternativ könnten z.B. in einer Laptopklasse die SchülerInnen von ihren Plätzen aus die Projektion beeinflussen und sich dort interaktiv beteiligen. Selbst mit nur einem Laptop in der Klasse könnte dieser ja herumgereicht oder zumindest zentral platziert werden. Bleibt für mich die Frage, ob die Intention, dass der/die SchülerIn aufstehen, sich durch den Klassenraum bewegen und sich dann herausgehoben vor der Klasse präsentieren muss, schon an sich so pädagogisch wertvoll ist und ob das den erheblich höheren finanziellen Einsatz und vor allem auch die mit den interaktiven Whiteboards nötig gewordenen zusätzlichen Schulungen rechtfertigt.

Einen Vorteil, der vielleicht nur ungern benannt wird, sehe ich aber: Whiteboards können eine Art trojanische Pferde sein, mit denen die Integration neuer Medien im Unterricht auch an KollegInnen herangebracht wird, die bisher die Finger von Computern gelassen habe. Hier wird allerdings oft angemerkt, dass Whiteboards einen niedrigschwelligen Zugang mit sich bringen. Das kann ich jetzt aus der Erfahrung nicht bestätigen. Derzeit bringt jedes Whiteboard eine zusätzliche Software mit, die auf das bestehende Betriebssystem und Programme aufsetzt und damit eine weitere Softwareschulung nötig macht. Gefragt sind hier vielleicht kreative Programmierer, die Live-CDs für interaktive Whiteboards entwickeln, die nur Programme für den Einsatz des Whiteboards mitbringen und die Systemoberfläche auf das nötigste reduzieren.

Der Gerechtigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass der zusätzliche Layer, den man z.B. mit der Smartboard Software „Notebook“ über den normalen Desktop legen kann, eine wirklich gute Idee für Softwareschulungen ist. Viel besser kann damit durch Malen großer Pfeile etc. auf Menüpunkte und Funktionen hingedeutet werden. SchulungsteilnehmerInnen haben ja oft Schwierigkeiten dem kleinen Mauszeiger auf der Projektion zu folgen. Nur dazu reicht eigentlich auch schon die Software auf dem Dozentenrechner, ein Board wird dazu eigentlich nicht benötigt. (Achtung: Die Lizenz der Software schreibt vor, dass sie nur zusammen mit dem Smartboard eingesetzt werden darf.)

Smart-Notebook
Notebook-Software des Smartboard

Ich war auch fest davon überzeugt, dass Whiteboards multitouchfähig sind. Da hätte mir der Mehrwert sofort eingeleuchtet. Mehrere Personen können gemeinsam davor agieren, Kinder zusammen an Bildern malen und was man erst für tolle Spiele hätte entwickeln können. Zum anderen würden damit auch einige beschwerliche Wege der Arme vermieden. Apple hat es mit den Multitouchpads der Mac Books vorgemacht. Der Finger muss nicht erst weit zum Scrollbalken des Fensters ausholen, mit zwei Fingern gleichzeitig lässt sich direkt im Fenster scrollen. Und da wäre gerade für Whiteboards einiges denkbar: mit mehreren Fingern greifen, mit der Handfläche wischen, etc.. Und auch der Rechte-Maustaste-Klick, den man jetzt erst umständlich durch vorheriges Drücken eines Knopfes unterhalb des Smartboards aktivieren muss, liesse sich ganz einfach durch gleichzeitiges Ruhen des Daumens auf dem Board durchführen.

Meine Prognose für interaktive Smartboards ist keine gute: Ähnlich wie den Sprachlaboren der 70iger Jahre, bei denen auch die Hoffnung bestand, neue Technologie führt automatisch zu neuem Lernen, wird wohl interaktiven Whiteboards nur eine sehr kurze Lebensdauer beschienen sein. Natürlich wird die Visualisierung von Lerninhalten oder Ergebnissen für eine Gruppe durch eine Projektion (an der Wand oder auch holografisch im Raum) immer eine große Rolle in Bildungssettings spielen. Die Bedienung aber wird in einigen Jahren wohl eher über Touchscreens vom eigenen Rechner oder auch durch Gestensteuerung erfolgen können. Dafür gibt es ja mit den aufkommenden Tablet PCs und dem Natal-Projekt als Steuerung für die Xbox von Microsoft schon reale Vorbilder. Nach Vorne zur „Tafel“ gehen muss dann niemand mehr. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass es ein „Vorne“ dann auch nicht mehr geben wird.

Ein paar Links noch zum Thema:

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